Wandel der Sprache

Ich liebe Geschichte, und damit meine ich nicht nur schöne Literatur, sondern unsere Geschichte. Hätte ich den Übersetzerberuf nicht gewählt, wäre ich wohl Archäologin geworden. Aber steckt in unserem Beruf nicht auch Archäologie? Wir forschen viel, kennen Sprachen und Kulturen gut. Das müssen wir auch, um unseren Beruf ausüben zu können.

bibel

Dass Geschichte eines meiner großen Interessen ist, bemerke ich jedes Mal, wenn ich mir eine Sendung über Archäologie ansehe. Neulich habe ich eine Sendung über Ausgrabungen in Syrien angesehen. Die Archäologen suchten nach einer alten verschwundenen Stadt aus der Bibel. Um ihre Thesen beweisen zu können, haben sie alte Texte aus dem Hebräischen (anstelle der Bibelübersetzung) studiert und einen Übersetzungsfehler oder eher eine Ungenauigkeit in der Übersetzung in der Bibel festgestellt. Das Problem war hier wie so oft, dass ein Wort mehrere Bedeutungen haben kann. Dies kennen wir Übersetzer nur allzu gut. Ohne Fachwissen, ohne interkulturelle Kompetenz – ohne Verständnis der Sprache kann man nicht ordentlich übersetzen. Dass unsere Berufe, die Übersetzung und Archäologie, sich in gewisser Hinsicht ähneln, war mir schon seit Langem klar, aber hier wurde es sehr deutlich. Und sind wir einmal ehrlich: sind es nicht Rätsel, die wir Übersetzer so lieben? Jedes neue unbekannte Wort ist meistens ein Rätsel.

Das Problem für die Archäologen war eben ein Wort. Als sie das aber korrekt übertragen hatten, hatten sie mehr Erfolg bei der Suche nach der verschwundenen Stadt. Wie ändert sich eine Sprache doch mit der Zeit! Menschen benutzen Wörter für etwas Anderes als ursprünglich gedacht. Dies sieht man so oft an den Sprichwörtern, die sich von ihrer ursprünglichen Bedeutung immer mehr entfernen. Um nur ein Beispiel zu nennen: „jemandem einen Bärendienst erweisen“. Auf Dänisch haben wir dieses Sprichwort wortwörtlich auch. Die bisherige Bedeutung war wie im Deutschen „jemandem trotz bester Absichten durch falsche und unnütze Hilfe schaden […]“. Aber auf Dänisch hat sich das Sprichwort mit der Zeit von seiner ursprünglichen Bedeutung abgewandt und kann jetzt auch „jemandem einen großen Dienst erweisen“ bedeuten.

Dass Sprachen sich ändern, zeigt nicht nur die Sendung über Archäologie oder das gerade erwähnte Sprichwort. Immer wieder werden neue Bedeutungen akzeptiert, neue Wörter z. B. aus dem Englischen gehen in die Sprache ein, man denke nur an die WhatsApp-Sprache, aber auch immer mehr kleinere grammatikalische Änderungen werden akzeptiert, aber eher in der gesprochenen Sprache.

Dies wurde in Dänemark am Silvesterabend auch verdeutlicht. Es ist eine feste Tradition, dass die Königin eine Ansprache an das Volk hält. Eine tief verwurzelte Tradition, die die meisten Dänen immer noch lieben und die sie sich ansehen. Allerdings hat dieses Mal ein Satz von der Königin für Aufregung gesorgt. Denn er wies einen grammatikalischen Fehler auf. Dabei spricht unsere Königin ein sehr korrektes Dänisch, nur bei bestimmten Formulierungen setzt sie gern ihre persönliche Note. So auch dieses Mal. Ein Wort hatte den falschen Kasus, dabei war es ein Satz, den die Königin so oft verwendet hatte und der bisher nie moniert wurde. Man fragte sich in der vergangenen Woche in den Medien, ob sich die Königin grammatikalische Fehler erlauben dürfe.

Das liegt vielleicht auch an dem Wandel der Sprache. Ich muss immer wieder mit Erstaunen feststellen, dass sich meine Muttersprache auf wirklich einfachste Weise verändert – meist nur in Form von Kleinigkeiten. Daher ist es absolut notwendig, eine Sprache immer weiter zu erlernen. Wie im Fall der Archäologen gilt es, ein Wort akribisch zu untersuchen, um die richtige Bedeutung zu finden und zu übersetzen.

(Zitat aus http://www.redensarten.net/Baerendienst.html, Bildquelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Bibel).

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